der reinste terror, erz.
Das ist aus der großen Liebe
geworden: Gewohnheit. Sie haben sich so sehr aneinander gewöhnt,
daß sie glauben, den Schritt aus dieser Gewohnheit heraus nicht
mehr schaffen zu können. Jeder gibt dem anderen die Schuld ...
Es
war wieder einmal soweit: der Besuch bei Lisa Koblenzer stand an. In
letzter Zeit zuckte ich innerlich zusammen, wenn ich den Namen bloß
hörte, auch heute sträubte sich alles in mir, und ich suchte
nach Ausreden wie schon so oft, aber Johanna ließ nie eine gelten.
Sie war der unerschütterlichen Ansicht, gerade ich mit meinen emotionalen
Hemmungen könne viel von Lisa lernen, und der Besuch bei ihr geschehe
auch zum Wohl unserer Ehe, um nicht zu sagen zu deren Rettung. Von derlei
Auswirkungen hatte ich zwar bislang noch nichts bemerkt, aber wenn Johanna
so fest daran glaubte, bitte, dann kam ich eben mit.
Tatsächlich ist Lisa eine Kapazität, was Gefühle
anbetrifft, mehr noch, eine Gefühlsfanatikerin ist sie, eine von
diesen hochmodernen Streichelwahnsinnigen, die einem andauernd um den
Hals fallen und ihre Verluste an Zärtlichkeit beklagen. Bei mir
hieß sie nur die Gefühls- und Umarmungs-Lisa, die Tränen-
und Bauch-Lisa, die Stets-auf-der-Höhe-der-Zeit-Lisa, und gerade
standen Gefühle ja hoch im Kurs, sie waren ein sozusagen neu entdecktes
Kulturgut, das sich von smarten Esoterik-Managern überdies ganz
gut vermarkten ließ. Der Verstand war jedenfalls nicht mehr gefragt,
Kopf müsse weg, hieß es bei Lisa verkürzt, Bauch müsse
her, Schluß mit dieser abstrusen okzidentalen Kopfscheiße,
die das Lebensglück beeinträchtige und her mit den Gefühlen,
auf Teufel komm raus. Spontan sein, lautete ihr oberstes Gebot, man
müsse um Gottes willen spontan sein, Kinder, ihr habt ja alle eure
Spontaneität verloren, ihr denkt zuviel nach und tut nicht, was
euch Spaß macht. Nicht mit dem Kopf solle man die Dinge und Menschen
um sich herum zu begreifen versuchen, sondern erfühlen solle man
sie, auf den Körper solle man hören, weil jener ein Tempel
sei, und überhaupt könne nur der reine Gefühlsmensch
diese morbide Welt noch retten.
Johanna fuhr, ich saß schweigend neben ihr, Sebastian
lag hinten und las Comics. Da bietet so eine Stadt tausend Möglichkeiten,
dachte ich, aber ausgerechnet zu Lisa muß man gehen, einmal in
der Woche mindestens, als hätten wir keine anderen Bekannten mehr.
Als ich ihr das erste Mal begegnete - es war bei einer Geburtstagsparty
-, hockte sie im Schneidersitz am Boden und studierte mit einem provokanten
Pipi-Langstrumpf-Gesicht die Gäste. Hin und wieder, wenn sich ihr
Blick an jemandem festgesaugt hatte, entblößte sie imponierend
breite Frontzähne und grinste, daß man sich fürchten
konnte. Sie sagte jedoch den ganzen Abend kein Wort, reagierte höchstens
mit Gebärden, wenn man sie ansprach. Sonderlich mich starrte sie
öfter an, das war mir schon unangenehm, aber ich war damals noch
selbstbewußt genug, einfach zurückzustarren. Später
kam sie dann auf mich zu und warf mir die Diagnose an den Kopf, ich
müsse mich ja ziemlich schlecht fühlen, das sehe sie nicht
nur, das rieche sie förmlich.
Warum? fragte ich.
Lisa winkte ab. Die Frage allein zeige den Grad meiner Verunsicherung.
Warum? wiederholte ich.
Fassade, entgegnete sie, alles Fassade, überhaupt sehe sie nur
noch Fassadenträger.
Damals fingen diese regelmäßigen Besuche an. Johanna war
begeistert. Lisas Diagnosen hätte ich aushalten können, gerade
noch, nicht aber, daß sie mich bei der Begrüßung jedesmal
umarmen mußte, als hätten wir uns Jahre nicht gesehen. Sie
drückte mich so fest an sich, daß ich mich unweigerlich erdrückt
fühlte. Andererseits hätte ich das gerne geschehen lassen,
wäre die Umarmung einem wahren Bedürfnis entsprungen, aber
ich kam bald dahinter, daß dies nur die allerneueste Art der Begrüßung
war. Eine Formsache, nichts weiter. Der Form halber wollte ich aber
nicht umarmt werden. Nur, man mußte sich eben umarmen lassen,
wollte man nicht als hoffnungslos altmodisch gelten oder als - wie Lisa
sagte - neurotisch berührungsverklemmt: Mein lieber Franz, das
ist tiefenpsychologisch ja höchst interessant, daß du dich
sperrst, wollen wir da mal nachbohren?
Ich sah es schon kommen: Lisa fällt mir schreiend um den
Hals, umklammert mich, sucht den direkten Hautkontakt, küßt
mich auf die linke, die rechte Wange, küßt Stirn, Nasenspitze
und manchmal auch den Mund. Sie schiebt mich dann auf Distanz, damit
sie mir prüfend in die Augen sehen kann und sagt: Na, Franz, wie
fühlst du dich? Niemals sagt sie „Guten Tag“ oder „Grüß
dich“ oder einfach „Hallo“, nein, immer nur: Franz,
wie fühlst du dich.
Lisa fragt einen das so oft, daß man sich ja schlecht fühlen
muß. Aber das war noch gar nichts gegen ihren stechenden Blick,
der einen glauben machen konnte, sie schaue einem bis in die tiefsten
seelischen Abgründe hinein.
Sie war der unverrückbaren Ansicht, es müsse sich in diesen
Zeiten jedermann schlecht fühlen (damit er von ihr bzw. ihren Botschaften
gerettet werden konnte), von den paar glücklichen Momenten mal
abgesehen. Behauptete man jedoch, sich gut oder gar ausgezeichnet zu
fühlen, dann wurde man von Lisa so lange mit psychoanalytisch inquisitorischen
Fragen bearbeitet, bis man aufschrie und um des lieben Friedens willen
zugab, sich hundeelend zu fühlen.
Die Ankunft: wie gehabt. Na, Franz, wie fühlst du dich?
Sag nichts, ich seh schon, immer noch so verkrampft, immer noch so introvertiert,
immer noch so flatternd der Blick.
Ich unterwarf mich schweigend ihrer Diagnose.
Man ging in die Küche, Sebastian zu den Kindern, Lisa fing sofort
zu dozieren an, ich hörte kaum hin, sie drehte pausenlos Zigaretten
- die flinken, geschickten Fingerchen faszinierten mich -, und als die
Kinder einmal hereinkamen, brach sie ihren Vortrag ab, warf uns beschwörende
Blicke zu, als wollte sie sagen: Davon dürfen die Kinder nichts
wissen, also verplaudert euch bitte jetzt nicht. Mit der Aufforderung,
doch etwas zu malen, zu basteln oder sonstwie kreativ zu sein, schickte
sie die Kinder wieder hinaus. Und dozierte weiter. Ich trank eine um
die andere Tasse Kaffee und studierte die Spruchtäfelchen, die
über der Spüle hingen:
Heute ist der erste Tag
meines restlichen Lebens.
Ich liebe mich.
Ich bin positiv.
Ich bin der Schlüssel zu meinem Glück.
Und so weiter...
Koko, der Nymphensittich hockte auf seinem Käfig und döste.
Lisa sprach unterdessen von der Verabschiedung ihrer Eltern. Wer die
Eltern in sich nicht umbringe, könne niemals wirklich zur Freiheit
gelangen, schon gar nicht glücklich werden, meinte sie. Man müsse
wieder Kind werden und die kindliche Phantasie zurückerobern, denn
die Kinder seien die einzig wahren und echten Menschen auf der Welt.
Begleitlektüre: Die
unendliche Geschichte.
Johanna hing wie gebannt an Lisas Lippen und hatte schon Tränen
in den Augen, so nahe ging ihr das. Sie wollte dann unbedingt wissen,
wie Lisa es anstelle, die Eltern in sich umzubringen, sie, Johanna,
habe nämlich auch ein Problem mit ihrem Vater.
Du mußt ihm den Krieg erklären, empfahl Lisa, und alles beim
Namen nennen, was er dir angetan hat. Mein Vater beispielsweise ist
zwar schon lange tot, aber das ändert nichts, denn schließlich
habe ich erkennen müssen, daß er in mir als Programm immer
noch vorhanden ist. Von wegen der Schuldgefühle. Von wegen der
Ängste. Die kleine Tochter und der Patriarch, der mich zur Unterwerfung
erzogen hat, zum Gehorsam, verstehst du.
Begleitlektüre: Die
Elternaustreibung.
Es gebe ja nicht nur körperliche, sondern
auch seelische Vergewaltiger, fuhr sie fort. Und so ein seelischer Vergewaltiger
sei ihr Vater gewesen. Sie habe ihn posthum noch einmal umbringen müssen,
damit sie endlich ein anderes Verhältnis zu Männern finden
könne, damit sie endlich freikomme davon, in jedem Mann ihren Vater
zu entdecken und sich dadurch einschüchtern zu lassen.
In diesem Augenblick kam ihr Mann von der Arbeit zurück. Lisa hob
die Stimme und sagte: Ich habe es ein für allemal satt, die große
Nachgiebige zu spielen, nicht wahr, Gerd?
So isses, nickte der und fragte nach dem Abendessen.
Kühlschrank, erwiderte Lisa kurz angebunden.
Aha, sagte Gerd.
Ja, also, wo war ich stehengeblieben? sah Lisa mich an.
Ist noch Fleischsalat da? wollte Gerd wissen.
Kühlschrank! bellte Lisa.
Koko flatterte erschrocken und laut kreischend auf die Gardinenstange.
Und dann Lisa: Ach so, mein Ritual. Kinder, daß muß ich
euch unbedingt erzählen. Also: Sie stehe sehr früh auf und
versuche gleich durch einen Meditationstanz Kontakt mit ihrem Körper
aufzunehmen. Man bzw. frau könne natürlich auch sagen: eine
Beschwörung der intuitiven Energien. Danach gehe sie unter die
Dusche und reinige sich gründlichst. Es könne durchaus vorkommen,
daß sie dabei masturbiere; und zwar ohne jegliche Schuldgefühle,
denn die Lust an sich sei etwas Göttliches.
Der Sittich richtete wie fragend die Kopffedern auf.
Ich finde den Fleischsalat nicht, klagte Gerd.
Man müßte endlich Masturbations-Seminare abhalten, fuhr Lisa
unbeirrt fort. Sie schreie übrigens auch, falls ihr danach zumute
sei. Oder sie heule eine halbe Stunde lang. Danach mache sie Atemübungen.
Sie atme die Schmerzen aus, sie löse Blockaden. Es sei dies ein
psychohygienisches Verfahren, wie man sich wohl denken könne.
Sie sah mich an.
Ich hustete.
Was meinst du? fragte sie.
Gerd hatte den Fleischsalat endlich gefunden.
Ich meinte nichts.
Einerseits beeindruckte mich Lisas rücksichtslose Offenheit, andererseits
fand ich sie peinlich. Ich wollte doch nicht wissen, wann und wo und
unter welchen Umständen sie masturbierte. Nein, aus guten Gründen
meinte ich dazu lieber nichts.
Jedenfalls fühle sie sich nach ihrem Morgenritual jeder Herausforderung
gewachsen, so Lisa weiter, auch gebe der Vater in ihr allmählich
nach, was natürlich Auswirkungen auf ihre Ehe habe, nicht wahr
Gerd, so ist es doch.
So isses, ja, sagte der und bedauerte, daß kein Bier da sei.
Keller, donnerte Lisa.
Aha, sagte Gerd, Keller und schlurfte gebeugt aus der Küche. Koko
pfiff ihm spöttisch nach und flog Lisa auf die Schulter.
Sie war überzeugt, das wirksamste Rezept für die Selbstbefreiung
der Menschheit gefunden zu haben, und weil sie ganz fest daran glaubte,
weil sie zudem überhaupt nicht egoistisch war, mußte sie
dieses Rezept weitergeben, so nun an mich, vor allem an mich, denn ihrer
Diagnose zufolge, mußte ich entsetzlich unter meinen Gefühlsverklemmungen
leiden. Meine Therapie laute: Tötung der Mutter. Denn die Mutter
sei es, die in meine Ehe destruktiv hineinwirke. Wahrscheinlich sei
ich von meiner Mutter zum Eheversager programmiert worden, damit sie
mich auf ewig behalten bzw. besitzen bzw. besetzen könne, klar?
Koko stellte sich von einem Bein aufs andere; es sah aus, als wolle
er Lisas diagnostisches Stakkato rhythmisch begleiten.
Tatsächlich erinnerte ich mich, daß mir von meiner Mutter
einmal prophezeit worden war, keine Frau werde es lange mit mir aushalten,
aber das verschwieg ich Lisa, damit ihre Überzeugung nicht in Größenwahn
ausartete.
Also meine Mutter. Von mir aus, dachte ich. Johanna sah mich triumphierend
an, als wollte sie sagen: Siehst du, diese Lisa klopft dir ganz gehörig
den Rost von der Seele, wo bleiben jetzt deine scharfsinnigen, intellektuellen
Qualitäten, die du vor mir immer so herauskehrst, um sie gegen
mich zu verwenden?
Wie stark ich von meiner Mutter besetzt sei, fuhr Lisa fort, beweise
allein die Tatsache, daß ich sie nahezu täglich anriefe,
also das sei doch pervers. Sie, Lisa, glaube, es sei Johanna für
mich nichts weiter als eine Art Mutterersatz, und so eine mit ungelösten
ödipalen Konflikten überschattete Beziehung könne naturgemäß
niemals gutgehen.
Ich gab zu, an Johanna durchaus mütterliche Züge entdeckt
zu haben, aber das habe doch mit mir nichts zu tun, im Gegenteil, Johanna
sei es doch, die hin und wieder ein mütterliches Verhalten entwickle,
wogegen ich, zugegeben, nichts hätte, zumal sich dieses Verhalten
nur dann einstelle, wenn ich krank sei.
Lisa heulte auf. Um Himmels willen, hör sich das einer an! So spricht
Franz, der total verkopfte Muttersohn. Nein, nicht Johanna entwickelt
Mütterlichkeit, sondern du bist das, du provozierst eine mütterliche
Johanna, du willst sie so haben, deswegen wirst du so oft krank.
Was heißt da oft, bei höchstens einem grippalen Infekt pro
Jahr, wollte ich einwenden, doch sie rannte plötzlich hinaus, kam
wenig später zurück und legte mir Bücher hin. Von Buddha
bis zu den Lehren der Schamanen. Lies das mal! Und dann mach eine Therapie.
Sie schlug mir die psychosomatische Klinik in Strötten vor, diese
legendäre Streichelklinik, wo man Gefühle total erlebe und
wieder erlerne, verstehst.
Sie schien offenbar stark an meinem Lebensglück interessiert, und
ich konnte nicht umhin, sie dafür sympathisch und rührend
zu finden, nur sagte ich ihr das natürlich nicht, denn hätte
ich es ihr gesagt, hätte sie gemeint, ich solle doch bitte in diesem
Fall meinen Gefühlen keine Zwang antun und ihr um den Hals fallen.
Der therapeutische Nachmittag neigte sich dem
Ende zu. Man erhob sich. Im Flur sagte Lisa: Ach Kinder, Leben total,
das ist es doch. Die meisten Menschen kommen mit dem Leben bloß
deshalb nicht zurecht, weil es ihnen zu kompliziert geworden ist, wobei
sie völlig übersehen, daß sie selbst es sind, die sich
diese Komplikationen schaffen. Das kommt davon, wenn man die einfache
Sprache der Gefühle nicht mehr beherrscht. Die zwischenmenschlichen
Beziehungskämpfe strotzen ja nachgerade von taktischen und strategischen
Überlegungen. Jeder will siegen. Und du, Franz, vergiß nicht:
das einfache, unkomplizierte Leben. Die Gefühle. Und wie fühlst
du dich jetzt?
Sebastian quengelte. Schwätz nicht so viel, herrschte er sie an,
ich will heim, sonst verpaß ich Bud Spencer.
Bud Spencer, wer ist das denn? wollte Lisa wissen.
Sie nannten ihn Mücke, sagte Sebastian, aber davon hast du keine
Ahnung.
Wir stiegen in den Wagen, ich war müde, fühlte mich wie ausgebeint,
hing kraftlos im Sitz, weit nach hinten gebeugt, über die Windschutzscheibe
raste die Straßenbeleuchtung, die Stunde nach Lisa, es war wie
immer: als seien alle Gefühle verraten worden. Es gab keine geschützten
Räume mehr. Alles wollte diese Lisa zum Vorschein gezerrt wissen,
wogegen ich immer noch der Ansicht war - hoffnungslos veraltet, ich
weiß -, es bräuchten gerade die Gefühle einen intimen
Rahmen, nicht so einen circensischen, ich haßte diese permanenten
Gefühlsenthüllungen, bei denen der am meisten bestaunt wurde,
der sich am hemmungslosesten zur Schau stellen konnte, während
man den Schweigsamen für einen Verklemmten hielt.
Franz, liebst du mich eigentlich noch?
Mit dem Verstand aber läßt sich wirklich nichts ausrichten,
dachte ich. Leider. Diese Gefühlswahnsinnigen können einen
immer wieder entlarven und verunsichern. Man braucht dem kopfgebundenen
Intellektuellen bloß mit der Zwischenfrage ins Wort zu fallen,
das sei ja sehr schön, was er da sage, die perfekte Logik und die
reinste Vernunft, aber was und wer steckt dahinter, was fühlen
Sie dabei? Wenn der nun nicht wirklich hartgesotten ist, hängt
er fest am Angelhaken. Er will sich aus der Frage winden. Er sieht sich
hilfesuchend in seinem intellektuellen Argumentationsarsenal um, doch
das kann ihm in der Eile keine passenden Waffen zur Verfügung stellen,
denn die Frage nach dem Gefühl hat sich im Solarplexus festgefressen,
breitet sich aus, entfacht die Zweifel: Wie fühle ich mich wirklich
in meiner Haut, was sage ich, welche Rolle spiele ich denn überhaupt?
Jetzt noch ein kleiner Stoß von Lisa, und er wird das ganze Elend
aus sich herauskotzen, und Strötten wird bald einen Patienten mehr
haben.
Ob du mich noch liebst, Franz, habe ich gefragt.
Liebe ich Johanna?
Lisa jedenfalls schafft es, die Wesenskerne ihrer Gäste aus den
Schalen zu sprengen, so daß eigentlich keiner mehr geht, als der
er gekommen ist, dachte ich weiter. Andererseits ist er dann vielleicht
auch zum letzten Mal gekommen...
Ob du...
Ja, Johanna, ich liebe dich, aber erpresse mich nicht mit so einer Frage.
Früher hatte Lisa als verstaubt gegolten, als streit- und diskussionssüchtige
Intellektuelle, heute war sie die ewig Lächelnde, die Mona Lisa
gewissermaßen, mit dem sonnenhaft wärmenden Wesen. Wie kommt
das? Sie entwickelt sich eben, dachte ich, sie hält Schritt mit
der Zeit. Also, es ist immer nur eine modische Attitüde, morgen
schon kann sie mit wieder völlig anderen Einsichten aufwarten.
Da mag dann das Übersinnliche, Esoterische, Paranormale dran sein.
Früher war sie die rote Lisa gewesen, Studentenbewegung, vorderste
Front, extrem und radikal, Landfriedensbruch, vom Berufsverbot bedroht,
Kommunistischer Bund Westdeutschland, Anhörungsverfahren, plötzlich
der Widerruf, Schwenk in eine verfassungskonforme Linie, Rückzug
ins Private, der damals sogenannten Tendenzwende also gehorchend. Den
Möbeln sah man schon an, welche Ideologie gerade gepflegt wurde.
Erst Sperrmüll und Matratzen am Boden, dann IKEA und Betten mit
Messinggestell, später die Wohnlandschaft mit Sitzgruppe aus Nappaleder,
wofür man sich entschuldigte und Platten aus der großen,
alten Zeit abspielte, Dylan, Donovan, Baez. Plötzlich ein erneuter
Umbruch, Rückbesinnung auf die Wesentlichkeiten des Lebens. Karrieregipfel
erreicht, was jetzt? Die Vierzigjährige hat Seymour im Bücher-
und die Getreidemühle im Küchenschrank. Sie will erst eine
Töpferei aufmachen, reist dann aber ohne ihren völlig außer
Atem geratenen Gerd für zwei Monate nach Poona, kehrt in Orange
zurück, geht nicht mehr, nein, sie wandelt von nun an dauerlächelnd
mit einem wie geläuterten Antlitz durch die Landschaft. Da fing
dieser Gefühlsterror allmählich an, wurde nur kurz unterbrochen
von einer grün erweckten Lisa, für die der Bhagwan ein Meditationsfaschist
war, und jetzt hätte man sie die Baum-ab-nein-danke-Lisa nennen
können, die Friedens- oder Öko-Lisa, die ihre Pullover selber
strickt und in ausgeleierten Pumphosen herumläuft, die selbstgeschusterten
Mokassins nicht zu vergessen, und die Indianer, richtig, die lagen ihr
plötzlich auch sehr am Herzen. Das dauerte ein paar Monate, und
schließlich kam die esoterische Selbsterfahrungs- und Streichel-Lisa
heraus, die ein sechswöchiges Training in Strötten und zahllose
workshops hinter sich hatte. Nahezu termingerecht, so mein Eindruck,
hatte sie alle Moden der Zeit angenommen, war immer am Ball geblieben,
wer sollte da Schritt halten können? Ich jedenfalls nicht. Trotzdem:
Was ist nun wirklich mit deinen Gefühlen, Franz, fühlst du
noch was?
Wir steckten im Stau fest. Johanna trommelte mit
den Fingerspitzen aufs Lenkrad. Sebastian drohte dem Stau mit einer
Anzeige, wenn er deswegen Bud Spencer verpasse. Johanna seufzte und
runzelte die Stirn. Das sollte heißen: Für Sebastians Fernsehgewohnheiten
trägst du die Verantwortung. Ich starrte durch die Windschutzscheibe.
Am liebsten hätte ich jetzt über das Wetter gesprochen. So
ein Wettergespräch wäre eine Erleichterung. Verdammt nochmal,
warum kann man jetzt nicht über das Wetter sprechen, dachte ich.
Als ahne sie meine Fluchtgedanken, holte mich Johanna gleich wieder
auf den Boden der Gefühlstatsachen zurück, indem sie meine
elementare Furcht vor der Enttarnung erwähnte, ich könne und
wolle mein wahres Gesicht nicht zeigen, ich wolle immer nur maskiert
hervortreten, den Unbeschädigten, den Starken, den Sieger wolle
ich spielen. Da gab ich ihr recht. Natürlich will ich viel lieber
stark sein als schwach, natürlich ziehe ich den Sieg der Niederlage
vor. Ich finde, es reicht vollkommen aus, wenn ich mich als beschädigt
erkenne, ich brauche kein Podium, um das auch noch in die Welt hinauszubrüllen.
Feigling, winkte Johanna ab.
Der Stau löste sich auf.
Sebastian fragte nach der Uhrzeit.
Es reicht noch, sagte ich.
Na hoffentlich! bellte er.
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