"Wenn einem nachts die Vergangenheit über den Weg läuft, ist man hilflos. Man entkommt ihr nicht, weil da nichts ist, womit man sich ablenken könnte, und es ist noch lang hin bis zum Tag. Man gerät immer tiefer in den Sog alter Geschichten ...

Traumtänzer, Roman, 189 S., Erstauflage Edition Braun 1993, 2. Auflage dahlemer va, Berlin 1999

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Recht haben werde ich nie. Das weiß ich jetzt schon. Mir wurde anerzogen, daß ich mich täusche. Seitdem will ich andere auch täuschen. (Martin Walser: Der Grund zur Freude)

 

20 UHR Die Halle ist leer. Sie liegt in einem wohltuend gedämpften Licht. Vor einer halben Stunde habe ich meinen Dienst begonnen, zwei Stunden zu früh, der Kollege hat sich bedankt und ist nach Hause gegangen.

 

Es ist meine letzte Nacht, was mich jedoch keineswegs erleichtert. Abtauchen konnte ich hier und mich unsichtbar machen. Man richtete niemals persönliche Fragen an mich, von Anfang an nicht. Der Direktor wollte weder wissen, was ich vorher gemacht hatte noch warum ich mich um diesen Posten bewarb, ihm kam es hauptsächlich auf das äußere Erscheinungsbild an, das er in Ordnung fand, also stellte er mich ein...

 

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein wird, wieder den Tag zu erleben. Ich fürchte mich ein wenig davor. Man sieht alles und wird selbst so überdeutlich gesehen. Darauf möchte ich vorbereitet sein, irgendwie. Ich werde mich um eine andere Arbeit kümmern, mich bewerben müssen. Einen Lebenslauf wird man von mir verlangen.
Tabellarisch. Daten, Fakten, erworbene Fähigkeiten und so weiter. Andere mögen das mit links machen, gar keine Frage, sie wissen ja ganz genau, was sie wann gemacht haben, was ich von mir nicht behaupten kann. Ich muß herausfinden, mit welcher Geschichte ich an den Tag komme, zur Welt, bzw. was ungeklärt in der Nacht zurückbleiben muß. Eine deutlich umrissene, eine präzise, eine vor allem verläßliche Geschichte sollte es sein, eine, an die ich mich fortan halten kann...

 

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Was zur Welt kommt, braucht einen Namen. Den wollte ich mir immer machen. Unbedingt! Und ende dann namenlos. Denn es wird doch keiner schneller vergessen, als der Nachtportier eines großen Hotels. Aus guten Gründen, versteht sich. Man wird eben nicht gerne erinnert an die Ereignisse der Nacht. Am Tag wird jeder, der nachts noch vor mir gestanden und seine Neigungen (mehr oder weniger) offenbart hat,
bestreiten, mich zu kennen, ja, er wird sogar behaupten, mich noch niemals gesehen zu haben, jedenfalls nicht bewußt. Ich würde mich übrigens auch nicht an mich erinnern. Wenn ich abends vor Dienstbeginn in den Spiegel schaue oder mir nachts in der leeren Hotelhalle in den Spiegelsäulen begegne, erschrecke ich vor dem Fremden, der da auf mich zukommt. Ich betrachte ihn ganz genau und
stelle fest: er sagt mir nichts. Er sieht aus wie ein Mann ohne Geschichte. Er ist einfach aus dem Nichts gekommen. Genau das ist es, was meinen Schrecken ausmacht: daß das wahr sein könnte. Komm schon, sage ich dann, das gibt es doch gar nicht, einen Mann ohne Geschichte, aber wenn ich ihn bitte, mir ein paar gesicherte Daten aus seinem Vorleben zuzuspielen, kratzt er irgendwelche Geschichten, Anekdoten, Episoden zusammen, die sich jedesmal anders anhören.
Was er gerade noch bejaht hat, kann er im nächsten Moment schon wieder bestreiten: Es war so, könnte jedoch auch ganz anders gewesen sein. 

 

Ich bin kein Held. Wäre ich einer, dann könnte ich diesen Niemand unter Umständen akzeptieren. Das wäre Größe. Aber ich bin kein Held. Ich strebe immer noch nach einem Namen. Die Arbeiter sind Helden, die Frauen und Männer, denen ich frühmorgens in der S-Bahn begegne. Die bewundere ich. Ich stelle mir vor, wie sie Tag für Tag ihre Arbeit tun, klaglos. Sie schuften, sie malochen, sie gründen Familien, sie bebauen ihre Gärten, sie fahren in Urlaub, das Geld reicht nie, also schuften sie noch mehr und rasten dennoch nicht aus. Sie ertragen den täglich gleichbleibenden Rhythmus, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre lang. Sie arbeiten und sind einigermaßen zufrieden. Natürlich weiß ich, daß dieses Bild nicht stimmt, aber ich brauche meine arbeitenden Helden. Weil ich die Arbeit gewiß nicht erfunden habe. Sie reden nicht viel, sie handeln. Ich dagegen neige zum Wortdurchfall, zum Geschwätz. Mag sein, daß ich, von meinem besseren Ich gleitet, gerade deswegen Nachtportier geworden bin, um meinem Geschwätz zu entgehen. Verstummen wollte ich, nur noch das berufsbedingt Notwendige sagen
und den Tag, der das Geschwätz provoziert, verschlafen. Bloß keine Geschichten mehr machen! Meine Mutter hat oft zu mir gesagt: Was machst du denn auch wieder für Geschichten, hör doch auf damit, ich bitte dich! Später hat mich mal jemand einen Dummschwätzer genannt, ich erinnere mich noch ganz genau an das Gesicht, ein schmales, blasses, ein hochmütiges Studentengesicht ist es gewesen, mit Nickelbrille. Ich saß im Hecht, einem Studentenlokal, und wollte einer Studienanfängerin klarmachen, was hier in Sachen Revolution so laufe, ich warf mit Parolen und Theorien nur so um mich, da lachte der Kerl am Nebentisch auf und nannte mich einen ahnungslosen Dummschwätzer : Das ist ein heikler biografischer Punkt und eine Erinnerung, die nicht von ungefähr kommt.

 

Neulich, mitten in der Nacht, stand urplötzlich, mich traf fast der Schlag, Sinsheimer vor mir, Professor Doktor Doktor Sinsheimer, um ihn in seiner ganzen Titelpracht zu nennen. Es versteht sich von selbst, daß er mich nicht erkannte, obwohl ich ihm vor rund zwanzig Jahren nahezu täglich über den Weg gelaufen bin und oft neben ihm im Hecht gesessen habe, nein: habe sitzen dürfen, muß man wohl besser sagen,
denn er war der bekannteste, der berühmteste Student, die absolute Nummer eins in der Hierarchie der Genossen. Damals dieses Bild hatte ich sofort wieder vor Augen trat er jeden Abend in der gleichen Weise auf: dicke Zigarre im Mund, fast bodenlanger, ausgebleichter Ledermantel, flankiert von seinen weiblichen Fans. Er ging aber niemals sofort zum Stammtisch, sondern blieb so lange in der Tür stehen, bis jedermann bemerkt hatte, daß er da war. Er warf dann aus stahlblauen Augen einen Blick von ungefähr Diamantenhärte in die Runde, daß man
glauben konnte, gleich würden die Gläser zerspringen. Sein Gesicht war
feuerrot, die Haut pockenvernarbt, seine Nase ragte imponierend spitz in den Raum, und die Haare hingen in dünnen, fettigen Strähnen bis auf die Schultern herab. Nicht ohne Wohlwollen blickte er dann auf seine Untertanen herab, ballte die linke Faust, begab sich endlich zu seinem Thron am oberen Ende des langen Tisches und rief dem Wirt zu: Pablo, cerveza negra, por favor! ...

 

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