Seit ich denken kann, wird mir gesagt, was ich wann, wie und warum zu tun habe. Seit ich denken kann, weiß jeder, was für mich gut ist. Seit ich denken kann, hat mich noch keiner gefragt, was und wie ich über eine Sache denke. Seit ich denken kann, ist mir geraten worden, das Denken anderen zu überlassen.

Morgendämmerung, Roman, 191 S., Erstauflage dahlemer verlagsanstalt 2002, ISBN 3-928832-14-X

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Ein klarer Blick auf die Dinge schien kaum noch möglich. Wie umnebelt kam sie sich vor. Nahezu blind vor Enttäuschung und Schmerz tastete sie sich durch die Tage und versuchte zu fassen, was dann doch nicht zu fassen war. Ins Leere griff sie, hatte nichts in der Hand. Doch selbst wenn sie die Vorgänge um sich herum immer weniger begriff, konnte sie gewisse Tatsachen nicht länger ignorieren, denn es war seit langem spürbar, daß etwas passieren würde, etwas Furchtbares wahrscheinlich, eine Katastrophe. Sie war zu riechen, sie hing in der Luft, die Atmosphäre des ganzen Hauses war davon erfüllt. Mit jedem Tag fühlte sie sich näher an den Abgrund geschoben, ins Bodenlose würde sie fallen. Andererseits neigte sie in ihrem unerschütterlichen Optimismus immer noch dazu, an Wunder zu glauben; es konnte ja sein, daß sich trotz der schlechten Vorzeichen alles noch einmal abwenden ließe, wie auch immer, schließlich fielen fünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Geschichte doch ins Gewicht.

Sie lag noch wach. Es war halb drei Uhr in der Nacht, als sie Erichs Wagen über das Abdeckblech der Kanalisation in den Hof scheppern hörte. Er machte gar keinen Versuch, seine späte Heimkehr zu vertuschen, sie sollte es ruhig wissen. Nur noch wenige Minuten würde es dauern, bis er ins Schlafzimmer käme, es blieb ihr noch ausreichend Zeit, sich darauf vorzubereiten. Sie drehte sich mit dem Gesicht zur Wand, kam fast auf die Bettkante zu liegen, weil sie den größtmöglichen Abstand zwischen sich und Erich bringen wollte. Sie atmete ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen, atmete dann leise und flach weiter, wobei ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Augenblick gerichtet war, da Erich ins Schlafzimmer käme.

Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, mich anzufassen, dachte sie verzweifelt, das könnte ich nicht ertragen.

Die Haustür schlug zu, ihr Herz klopfte ängstlicher.

Jetzt kam er die Treppen herauf.

Sie zählte: eins, zwei, drei, vier ... bei neun wurde die Tür aufgestoßen, ein schmaler Lichtkegel fiel gegen die Wand, und sie spürte förmlich, wie sich Erichs riesiger Schatten über sie legte.

Sie gab nicht den geringsten Laut von sich, lag starr, wie erfroren auf der Bettkante, hielt den Atem an.

Erich setzte sich aufs Bett, ließ die Krücken fallen, fluchte. Ein heißer Stich im Nacken sagte ihr, daß seine Blicke fest auf sie gerichtet waren. Er kam näher, sie roch es. An ihm haftete noch das schwere, etwas süßliche Parfum der Frau, bei der er gewesen war. Opium, dachte sie, also Sabine. Das ging nun schon eine ganze Zeit so. Er verlor kaum ein Wort darüber, machte aber – so sie sich traute, ihn über seine nächtlichen Ausflüge zu befragen – keinerlei Anstalten, sie als harmlos zu tarnen. Er konnte seine Verhältnisse (es war nicht nur Sabine) frei heraus zugeben, was in einem Tonfall träger Gleichgültigkeit geschah. Für ihn schien das die selbstverständlichste Sache der Welt. Was der Mann zuhause nicht bekommt, holt er sich eben woanders, so einfach war das.Immer noch war er über sie gebeugt. Sie empfand den Atem, der ihr stoßweise in die dünnen Haare fuhr, als häßlich. Er hustete absichtlich laut. Offenbar mißtraute er ihrem unnatürlich ruhigen Daliegen. In diesem Augenblick fürchtete sie nichts mehr als seine Hand, die ihr über den Kopf streichen könnte (was hin und wieder in solchen Nächten vorkam), eine Hand, die kurz zuvor noch mit einer anderen Frau beschäftigt gewesen war.

He! sagte Erich laut und stieß sie in den Rücken, lebst du überhaupt noch?

Sie rührte sich nicht. Sie hörte, wie er die Hosen abstreifte und das Hemd so wütend aufknöpfte, daß gleich mehrere Knöpfe absprangen und über den Parkettboden rollten.

Eine eindrucksvolle Darstellung, sagte er spöttisch, liegst da wie tot, auf der Bettkante. Und dann, etwas lauter: Wenn du abnibbelst, Sarah, gib vorher Bescheid, verstanden! Ich habe schließlich keine Lust, die ganze Nacht neben einer Leiche zu liegen.

Er lachte trocken auf, nahm seine Beinprothese ab, ließ sich mit einem Stöhnen zurückfallen, wälzte sich noch ein paarmal hin und her, bis er seine Einschlaflage endlich gefunden hatte. Er lag mit dem Rücken zu ihr, wie sie an der Atemwindstille bemerkte. Kurz darauf schnarchte er, und sie spürte ihre Atemnot, sie hatte die ganze Zeit ja kaum Luft zu holen gewagt.

Mit Erichs Schnarchen kam die Erleichterung , daß jetzt auch sie sich fallen lassen und aus dieser Wirklichkeit herausschlafen konnte, hinüber in eine Welt, in der sie das Schönere, Bessere, Leichtere zu finden hoffte...

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