Der Krieg war zu Ende. Die Soldaten kehrten nach und nach heim. Man tanzte bald wieder und sang: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien ... Der russische Sektor war weit weg. Im Frieden begann man das Vergessen zu kultivieren und entwickelte so einen unverkennbar deutschen Wesenszug.

Er spuckte beim Erzählen, rang nach Worten, kroch durch vereiterte, wundgescheuerte Gedankenhöhlen, rang nach Worten, die er, wenn er sie dem Sprachsilo einmal abgetrotzt hatte, förmlich herausschleuderte, wütend, mich anspuckte dabei, schwer atmend, wild sah er aus mit den aufgeblähten Nasenflügeln ...

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In der Nähe des Rathauses setzte ich mich für eine Weile auf den Rand des Brunnens, beobachtete die Passanten und fühlte mich wie im Innern einer Vakuumsblase. Ich spürte, wie unerreichbar diese Leute für mich geworden waren. Viele Gesichter waren mir bekannt, ich konnte ihnen Geschichten und Erinnerungen zuordnen, ich deutete manchmal einen Gruß an, um zu erkennen zu geben, daß ich sie nicht vergessen, daß ich den Mut hätte, mich an sie zu erinnern, aber man übersah mich geflissentlich. Und dann, aus dieser Wut heraus, bemühte ich Dich. Du wärst, nein: Du bist vom Brunnenrand gesprungen, hast die Arme ausgebreitet und die Leute angebrüllt: Dat bliwt allns so as dat is. Gibt's nüscht zu lachn. Deine Stadt, Hechele, hast Du gesagt. Die Leut laufn rum wie die Maulwürfe, Nasen zu Boden gesenkt. He! hast Du gerufen, schaut her, ich bin's, der Stachowiak, der Konny aus Pasewalk, Mecklenburrch. Aber nüscht da, siehst selber, Hechele, schaut keiner zu mir her. In Mecklenburg hätt man sich scharenweis um dich versammelt. Besuch willkommen. Für jede Neuigkeit dankbar. Hier geit dat nich, hast Du gesagt. Du kommst von weither, Hechele, hast Du gesagt, du willst nicht unbedingt, aber du mußt hier Fuß fassen. Wie stellst du das an? hast Du gefragt. Ja, was weiß ich, wie man das macht. Wahrscheinlich wäre ich in eine Kneipe gegangen, einem Verein beigetreten, was weiß ich.

Jaja! hast Du trocken hinausgelacht. So geit dat! Ich, Stachowiak, komm her. Ich geh in 'ne Kneipe und sag: Goden Dach, min Nam is Stachowiak, bin aus Pasewalk, dat liecht in Mecklenburrch. Darf ich Platz nehmen? Klar, sagen die. Auf einen wie dich haben wir schon lang gewartet. Also hock ich mich hin, erzähl meine Geschicht, is ja spannend, die hören still zu und freuen sich. Wie schön. daß du nochmal davongekommen bist vor dem Russen, wie schön, daß du jetzt hier bist, sagen die, wie können wir dir helfen, denn du sollst dich ja wohlfühlen bei uns. Mensch Kuddel, mir läuft die Seele über bei soviel Herzlichkeit. Ich geb gleich eine Runde aus! Und schon gehör ich zu. So, Hechele, lautet dat Märchen. Es war einmal. Es war aber gar keinmal. Diese Dösbaddels rieben sich schon an Winzigkeiten. Wie redet denn der? Das heißt nicht Goden Dach, Grüß Gott heißt das, klar! Und an den Stammtisch setzt man sich nicht so einfach. Das muß was wachsen. Der Platz will verdient, will erschuftet sein. Das kann Jahre dauern. Jahrzehnte. Auf dem Platz hat schon mein Opa gehockt, da kommt mir kein Flüchtling hin. Was tust du aber dann, um dich zu denen durchzufressen ...?

 

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