Moritz Sonderberg, Schauspieler, ist gerade mal 69 Jahre alt, als er durch einen Schlaganfall in völlig veränderte Lebensumstände gerät. Halbseitig gelähmt, wird er in ein Pflegeheim eingewiesen, in eine Umgebung, die von Siechtum und Zerfall geprägt ist. Sonderberg versucht, sich all dem schreibend zu entziehen. In der Folge entsteht ein feinfühlig, aber auch konkret verfasster Bericht aus dem Innern einer Anstalt, in der die Insassen, erstarrt und sprachlos geworden, vor sich hindämmern.

 



»So löse ich mich auf und komme mir abhanden.« (Montaigne)

Ich bin Sonderberg, von Theaterleuten und Presse eigentlich immer nur der Sonderberg genannt, ein Name also, der nicht gänzlich unbekannt sein dürfte, in Feuilletons und Kulturnachrichten hauptsächlich und häufig zu finden. Ganze Aktenordner mit Kritiken befinden sich in meinem Besitz, und es ist durchaus möglich, dass die Plakate meiner letzten Vorstellung am städtischen Theater noch aushängen, so lange ist das ja nicht her.

Wenn ich mich nun aus einem (für mich völlig inakzeptablen) Abseits zu Wort melde, in das ich buchstäblich und schlagartig und ohne eigenes Verschulden gestellt worden bin, so nur, um laut und also vernehmlich zu bekunden, dass es mich noch gibt, dass ich nicht, wie mancher vielleicht glauben möchte, lautlos in der Versenkung verschwunden sei. Ich habe nicht vor, an diesem erdfernen Ort, wie meine Mitbewohner etwa, dahinzudämmern, gar zu verblöden.

Es ist, als seist du über die Ränder der bekannten Welt hinaus- und hineingefallen in ein Jenseitiges, in eine Wirklichkeit, die du nicht zu fassen vermagst. Du traust deinen Augen nicht. Du denkst sofort, es müsse sich um ein permanentes Trugbild handeln, um eine durch einen Alptraum hervorgerufene Schreckensvision. In die falsche Kulisse bin ich gestellt worden, ins falsche Stück, denkt Sonderberg, immer wieder, es ist das falsche Stück, es ist ein fataler Irrtum, eine Verwechslung.

Während ich gestern noch in einer ringsum blühenden Lebensfülle zuhause war, umweht mich heute von allen Seiten her der Geruch des Zerfalls. Von morgens bis abends habe ich beispielsweise die »Skelettfrau« vor Augen, dieses bis auf Haut und Knochen abgemagerte Weiblein mit der weißen, fast durchscheinenden Haut und den hellgrauen, blickleeren, wässrigen, tief in den dunkel umrandeten Höhlen liegenden Augen, sehe diese von mir so genannte Skelettfrau im Liegestuhl, die immer mal wieder ihr dünnes Ärmchen hebt und ruft: Komm! Komm! ruft sie, so komm doch endlich her, wobei ihr Gesicht von einem so hohen Grad an Verzweiflung verzerrt wird, dass einen der Anblick zerreißen möchte, und man fragt sich, warum keiner der Anwesenden reagiert, warum keiner von ihrem flehentlichen Rufen Notiz nimmt. Sie fängt zu weinen an, kann nun stundenlang wimmern und aufschluchzen, bis sie wieder, ins Leere meist, ruft: Komm! So komm doch her!

Ein Besucher, der es empörend finden mag, dass niemand der Alten Gehör schenkt, geht schließlich hin und erkundigt sich überaus teilnahmsvoll, wie er ihr helfen könne, in der Erwartung natürlich, dass ihr Gesicht sich aufhelle, dass es Erleichterung zeige, aber sie schüttelt auf seine Frage unerwartet heftig den Kopf, wirkt ziemlich verärgert, was der Fragende nun überhaupt nicht versteht.

Er macht noch einen Versuch, kann ja sein, dass die Verärgerung andere Gründe hat, sie deutet jetzt auf einen Tisch, was der Besucher selbstverständlich so interpretiert, dass sie zu dem Tisch gebracht werden möchte. Er fragt aber vorsichtshalber nach, erhält keine Antwort, schiebt sie trotzdem an den Tisch.

Gut so?

Sie schaut ihn an mit diesen blickleeren Augen, die einem Furcht einzujagen vermögen, schaut ihn an, als habe er gar nichts begriffen und fängt wieder zu heulen an, noch heftiger als zuvor, und der Besucher, sieht man, kommt sich schuldig vor, ohne zu wissen, worin denn nun genau seine Schuld bestehe, während sich die Verzweiflung der Alten ins Unermessliche steigert. Schließlich hebt sie hilflos die dünnen Ärmchen, die Achseln zucken, sie atmet stotternd ein und aus, fällt in sich zusammen wie jemand, der mitteilen will, für ihn komme jede Hilfe zu spät, ihn verstehe ja sowieso keiner mehr.

Keine halbe Stunde später ruft sie wieder in den Raum: Komm! Bitte! Komm her!

Und niemand reagiert. Auch du nicht. Du kennst dieses sinnlose Rufen inzwischen zur Genüge, du glaubst, es richtig einschätzen zu können: Die Skelettfrau, die von unschätzbarem Alter ist (zwischen achtzig und hundert), ruft und weint unabhängig davon, ob jemand kommt oder nicht. Sie muss einfach weinen. Du fragst dich höchstens, wo sie all die Tränen hernimmt. Sie müsste längst ausgetrocknet sein, denkst du. Sie ist eben nicht ganz richtig im Kopf, denkst du. Wie alle hier, die auf diesem erdfernen Planeten dahinvegetieren und ihr Restleben ableben, entweder täglich aufs neue resignieren oder schon vollkommen hoffnungsleer sind, die Erlösung herbeisehnen, vor sich hinstarren, wie zum Beispiel Herr Wagenseil, der den Platz neben mir hat, kopfhoher Rollstuhl, und von morgens bis abends auf ein und denselben Punkt starrt, auf einen gelben Fleck an der Tapete. Er wirkt wie eingefroren in dieser Haltung.

Er rührt sich nicht. Man sieht nicht einmal, ob er noch atmet. Der Brustkorb bleibt flach, da hebt und senkt sich nichts. Man könnte auch den Eindruck gewinnen, er übermittle seine Gedanken (oder was auch immer) an den gelben Fleck, oder er horche in diesen hinein, als nehme einzig der gelbe Fleck noch Anteil an seinem Leben. Zu den Mahlzeiten jedoch öffnet Herr Wagenseil wie automatisch den Mund, lässt sich füttern, ohne dabei den gelben Fleck aus den Augen zu lassen. Wenn er genug gegessen hat, schließt er den Mund wieder, presst die Lippen fest aufeinander, die ganze Zeit, als dürfe jetzt nichts mehr hinein-, nichts mehr herauskommen, weder Nahrung noch Wort, so erstarrt er wieder, und manchmal drängt es mich, seinen Puls zu fühlen, ob er überhaupt noch lebt ...

© 2012 Hans Zengeler 

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