Josef Bloch steht kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag. Kein Problem für ihn, der glaubt, das Alter könne ihm nichts anhaben. Warum auch, wo er doch bisher immer die Erfahrung gemacht hat, für viel jünger gehalten zu werden. Außerdem wirkt in ihm das bekannte Phänomen, dass immer nur die anderen älter werden, während man selbst meint, mit ewiger Jugend gesegnet zu sein. Das ändert sich für Josef schlagartig, als ihm plötzlich, ohne Vorwarnung, zwei seiner besten Freunde wegsterben, was ihn zu der Erkenntnis zwingt, dass er sich bereits mitten im Zielgebiet aufhält …

 

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Es war klar, dass es auf eine Katastrophe hinauslief. Musste es ja. Josef Bloch konnte sich nicht vorstellen, warum ausgerechnet er von den Schicksalsschlägen, die andere in den vergangenen Monaten reichlich getroffen hatten, verschont bleiben sollte. Es war Sonntag. Ihm blieben noch zwei Tage. Gleich nach dem Frühstück stieg Josef in das Zimmer unter dem Dach, um dort seinen letzten Willen zu Papier zu bringen. Bei diesem Zimmer handelte es sich um sein ganz persönliches Rückzugsgebiet, um einen Ort, den er aufsuchte in Zuständen der Verletzung, der Beschämung, der Niederlage oder eben auch, wenn er glaubte, ihm sei nicht mehr zu helfen. Und gerade heute schien es ihm ernsthafter um Leben oder Tod zu gehen, als jemals zuvor. Es war ein spärlich eingerichteter Raum, ein Tisch, ein Stuhl, eine alte Couch, ein von Wand zu Wand reichendes Regal mit völlig zerfledderten Büchern, Zeitschriften, Katalogen, zuunterst abgetragenen Schuhen, die er nicht wegwerfen konnte oder wollte. Das letzte Mal, als er in ähnlicher Verfassung wie jetzt an diesem Tisch gesessen hatte, war ihm von dem Verlag, für den er erst freiberuflich als Anzeigenberater, dann als Korrektor gearbeitet hatte, mitgeteilt worden, dass das Unternehmen, mangels Liquidität, Konkurs anmelden müsse. Von einem Tag zum anderen hatte Josef eine gute und bis dahin beständige Einnahmequelle verloren, und es bestand nur eine geringe bis gar keine Chance, wieder an eine Arbeit zu kommen, schließlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits achtundfünfzig Jahre alt. Nun hing alles an Ira, seiner Frau, die als Buchillustratorin zwar einigermaßen gut verdiente, jedoch auch den üblichen Risiken der Selbständigkeit ausgesetzt war, so dass man sich nicht unbedingt zurücklehnen und beruhigt in die Zukunft schauen konnte.

Vor ihm das noch leere Blatt Papier, der dokumentenechte Stift. Noch zwei Tage, dachte Josef. Du wirst daliegen und keine Kontrolle mehr über das Geschehen haben. Den Hals werden sie dir auf-, wenn nicht aus Unachtsamkeit durchschneiden. Josef musste unwillkürlich schlucken. Er spürte den anschwellenden Kloß im Hals. Alles hing von einem einzigen Menschen ab. Wenn dessen Hand zitterte, wenn der auch nur eine Millisekunde kurz unkonzentriert wäre – es konnte alles Mögliche passieren. Es kam nicht nur auf die Tagesform, sondern auch auf das Augenblicksbefinden des Schlächters an, auf dessen Gefühls- und Seelenlage, wehe wenn der eine Wut im Bauch hat, weil er vielleicht kurz zuvor erfahren muss, dass ihm seine Frau fremdgegangen ist, der denkt doch nur an eines, an Rache nämlich, und du hast das Pech, derjenige zu sein, an dem er sie ausleben kann!

Mit diesen Unwägbarkeiten vor Augen, sah sich Josef nachgerade genötigt, sein Testament zu machen. Sicher ist sicher, dachte er. Man weiß ja nie. Vor allem dann nicht, wenn man eben ganz genau weiß, dass es einem innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden an den Kragen geht. Es war nicht leicht. Er hatte schließlich noch nie ein Testament verfasst, wäre überhaupt niemals auf die Idee gekommen, je eines verfassen zu müssen. Es war ein komisches Gefühl. Zum Lachen, das einem im Hals stecken bleibt, zum selbstmitleidvollen Heulen, zum Davonlaufen. Josef spürte, wie er sich innerlich dagegen sträubte. Es hörte sich so dramatisch an: Testament, letzter Wille, letztwillige Verfügung. Schon die Überschrift machte ihm schwer zu schaffen. Eben weil sie sich so letztgültig anhörte. Das mochte er sich kaum vorstellen. Eigentlich handelte es sich ja nicht um einen letzten oder allerletzten, sondern um einen immer vorläufig letzten Willen. Der könnte sich in fünf, in zehn Minuten, in einer Stunde, einem Tag doch wieder ganz anders anhören, oder? Natürlich wusste Josef, dass das Unsinn war, schließlich würde er morgen nicht mehr und nichts anderes zu vererben haben, als heute, und es wäre auch morgen und übermorgen noch dieselbe Person, die er als Alleinerbin einzusetzen gedachte, Ira, seine Frau, die Liebe seines Lebens; und zwar einerseits der Einfachheit halber und andererseits in dem sicheren Gefühl, dass Ira seinem Sohn aus erster Ehe schon geben würde, was er wollte, so er überhaupt etwas wollte. Das war sekundär. Josef wollte vor allem eines: sich umfassend zu Ira bekennen. Sie sollte schriftlich bekommen, dass er ihr in ständig wachsender Liebe verbunden gewesen sei. Doch wenn er damit begänne, merkte er, geriete ihm das Testament eher zu einem Liebesbrief als zu einer letztwilligen Verfügung. Also, er hatte dabei das Gefühl, reinen Tisch machen zu müssen, was hieß, nicht nur seine Liebe, sondern auch noch all seine Fehler und Schandtaten zur Sprache zu bringen. Nun war aber so ein Testament eine öffentliche Angelegenheit, und seine Geständnisse gingen nur Ira etwas an, daher war es besser, das Testament sachlich zu formulieren und für Ira, in einem separaten Umschlag, ein privates Schreiben beizulegen. Plötzlich ging alles sehr leicht. Es stellte sich ein Gefühl von Sachlichkeit ein, wie man es etwa beim Verfassen eines Geschäftsbriefes empfinden mag, man erledigt eine Formalität, um sich hernach entlastet zu fühlen.

Als Josef noch einmal las, was er da als letzten Willen zu Papier gebracht hatte, konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, einen Offenbarungseid geleistet zu haben. Am Ende eines inzwischen neunundfünfzigjährigen Lebens hatten sich nur ein paar tausend Bücher angesammelt, ein lächerlich geringes Barvermögen und eine kleine Versicherung, die nicht reichen würde, um die Kosten für ein sogenannt bürgerliches Begräbnis

zu decken. Daher blieb Josef nichts anderes, als seiner Alleinerbin eine billigstmögliche, wenn es sein müsse, auch anonyme Bestattung zu empfehlen. Das, fand Josef, passte zu einem Leben, in dem er nie groß aufgefallen und schon mal gar nie groß rausgekommen war. Obwohl er das eigentlich immer gewollt hatte, groß rauskommen, gefeiert und bemerkt werden. Er seufzte. Am Ende hatte nichts geklappt. Eine Nullnummer mit Nullsummenbilanz, könnte man sagen. Aber das würde, wenn er tot war, niemanden mehr interessieren, ihn selbst am allerwenigsten. Er steckte sein Testament in einen braunen, das Begleitschreiben an Ira samt anderer Hinweise (seine Internet- Passwörter, zu kündigende Abonnements usw.)in einen weißen Umschlag, schrieb auf den einen „Testament“, auf den anderen „Für Ira“ und ging wieder nach unten. Er würde ihr beide Umschläge am Abend überreichen oder vielleicht erst morgen früh, wenn sie ihn in die Klinik brächte.

 

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