Die größte Liebe aller Zeiten, Roman, Bloch II (ausführliche Leseprobe des Verlages hier)

 

Das kam so plötzlich und so überraschend wie die Flut, wenn man vergessen hat, auf die Gezeitenwechsel zu achten. Auslöser war ein Brief, gerichtet an Dr. Morton Müllerjohann, der die Anschrift seines Freundes Josef Bloch für eine gewisse Zeit als Kontaktadresse in Anspruch genommen hatte, um mit seiner Geliebten brieflich kommunizieren zu können, ohne daß seine Ehefrau davon erfuhr.
Müllerjohanns Geliebte war Ethnologin und häufig auf Forschungsreisen, daher fand zu solchen Zeiten ein reger Briefverkehr statt, den Josef diskret zu regeln hatte, indem er Morton kurz verständigte, wenn ein Brief angekommen war.

 

Josef hatte sich als Mitwirkender an diesem Betrug nie sonderlich wohl gefühlt, vor allem, weil er Mortons Frau gut leiden konnte, doch der Freund hatte ihm versichert, seine Ehefrau nach wie vor zu lieben, nicht immer, aber für immer, und die „Sache“ mit der Geliebten sei ohnedies eher geistiger Natur oder, wenn man so wolle, Erotik auf höchster Ebene.

 

Das Dumme war jetzt nur, daß Josef diesen Brief unmöglich weiterleiten konnte, denn MM (wie er ihn nannte) war bereits vor zwei Jahren gestorben. Es hatte mal ein Päckchen existiert, das bei Josef deponiert worden war, Briefe und Fotos, hatte MM erklärt, die er, Josef, im Fall des Falles an die Geliebte schicken solle, dieses Päckchen also sei die vereinbarte Todesnachricht. Kurz vor seinem Tod hatte sich MM das Päckchen aber wieder aushändigen lassen, ohne die Gründe hierfür zu nennen. Einen Monat später war er seinem Krebsleiden erlegen. Josef entschloß sich, den Brief zu öffnen; er tat das aus einem Gefühl heraus, Testamentsvollstrecker seines verblichenen Freundes geworden zu sein.

 

Er fand folgende Zeilen vor:

„Geliebter!
Ich weiß nicht, ob Du noch lebst oder schon tot bist. Auf jeden Fall schicke ich Dir recht herzliche Weihnachtsgrüße. Werde glücklich! Lenore.“

Eine Absenderadresse war nicht vermerkt. Und das fand Josef dann doch entsetzlich, der Ethnologin nicht mitteilen zu können, daß ihr Geliebter längst tot sei.

 

Damit rollte die Flut heran. Und Josef mittendrin. Denn dieser Brief erinnerte ihn sofort an andere Briefe, die dem Absender zurückgeschickt werden sollten, im schlimmsten Fall. Und dann der Name, der schon lange nicht mehr gedacht worden war: Clara ...

Zengeler, Die größte Liebe aller Zeiten, (c) VAT, Mainz 2013
 
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