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zur lektüre ans herz gelegt

Auf dieser Seite finden Sie Bücher von: Martin von Arndt · Wilhelm Genazino · Peter Handke · Christoph Hein · Matthias Kehle ·Hermann Kinder ·Véronique Olmi · Luis Sepúlveda ·Sven Regener · Josef Janker  t.b.c

cover postmannMartin von Arndt: "Der Tod ist ein Postmann mit Hut", Klöpfer & Mayer, Tübingen, 2009

Mit Auszügen aus diesem Roman erntete MvA beim Bachmann-Wettbewerb 2008 großen Publikumszuspruch. Der furiose Auftakt verspricht nicht nur einen spannenden, sondern auch hervorragend geschriebenen Roman. Mehr dazu nach Erscheinen, bzw. auf der Homepage des Autors.

 

Hein: LandnahmeChristoph Hein: "Landnahme". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 2004

Vorab: Dies ist ein Roman, der unter anderem aufzeigt, daß die Feindseligkeit Fremden gegenüber in diesem Land Tradition hat. Die ersten Fremden waren eben nicht die Italiener, Türken und Griechen, sondern die Deutschen selbst. Und zwar jene, die es nach dem Krieg in den Westen/ Osten verschlug, die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen. - Bernhard Haber kommt als Zehnjähriger mit seinen Eltern in eine sächsische Kleinstadt (Woher kommst du?, Aus Breslau, Also noch einmal: Wo kommst du her?, Aus Wroclaw, Richtig...) und erlebt dort Anfeindungen verschiedenster Art. Man will die "Polacken" nicht, man bleibt unter sich. Geschildert wird das aus der Sicht gleich mehrerer Personen, so ergibt sich ein umfassendes Bild nicht nur der Flüchtlingssituation selbst, sondern auch noch der damaligen Zeit, den Anfängen der DDR bis hin zu der Wendezeit. Ein wichtiges Buch, spannend geschrieben in einer schnörkellosen Sprache. (Wozu unbescheiden vermerkt sei, daß ein anderer Autor dieses Thema auf andere Weise bereits 1988 angegangen ist. Nähere Info hier)

cover genazinoWilhelm Genazino : "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman". Roman, Carl Hanser Verlag München, 2003

Eigentlich keine Geschichte, die einen vom Hocker reißt: "Ein Mensch von siebzehn Jahren fliegt vom Gymnasium", heißt es im Klappentext. Seine Mutter macht sich mit ihm auf die Suche nach einer Lehrstelle. Der Sohn ist kaum interessiert daran, er möchte nur eins: Schreiben. Schließlich landet er als kaufmännischer Lehrling in einer Speditionsfirma, nebenher schreibt er Artikel für die lokale Zeitung, Vermischtes, Vereine, Veranstaltungen ... All dieses spielt in den Sechziger Jahren und würde einen wirklich nicht vom Hocker reißen, wäre da nicht der mittlerweile unverwechselbare "Genazino-Ton": leicht, unterhaltsam, ironisch, zynisch. Und wie immer gewürzt mit einer Detailbesessenheit, die einem Atmosphäre vermittelt, greifbar, fühlbar, ja riechbar nah. Insgesamt (wie schon der "Regenschirm") meisterhaft geschrieben, man weiß: das Leichte ist das Schwere daran. Sehr empfehlenswert.

cover spulveda Luis Sepúlveda: "Der Alte, der Liebesromane las." Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2000.

Man glaubt das zu kennen: die Exotik in den Erzählungen lateinamerikanischer Autoren. Wer hat nicht wenigstens eine Geschichte von Márquez gelesen. Auch in Sepúlvedas Roman scheint sich zunächst nichts Besonderes zu ereigen; Alltag sozusagen in einer kleinen Siedlung am Amazonas, wenig Abwechslung. Zweimal im Jahr kommt ein Versorgungsschiff vorbei, die Leute können ihre Vorräte an Salz, Gas, Bier und Schnaps aufstocken. Der mitgereiste Zahnarzt wird als Erleichterung empfunden, befreit er sie doch von schmerzenden Zahnresten, versorgt sie mit Prothesen. Raffgierige Goldsucher bringen Unruhe in das Gebiet, ein Ozelotweibchen rächt den Tod ihrer Jungen, eine übel zugerichtete Leiche wird ans Ufer des Amazonas gespült ... All das könnte man schon mal gelesen haben. Im Zentrum des Geschehens steht jedoch der Witwer Antonio José Bolivar, der bei den Suharu-Indianern gelebt hat und den Dschungel kennt. Und: er kann lesen! Er entwickelt eine Leidenschaft für Liebesromane, die ihm der Zahnarzt mitbringt. So holt er sich eine wundersame Welt in den Urwald, eine Welt, die er mühevoll entziffert und abends am Lagerfeuer erzählt ...
Fazit: Ein kleiner Roman, ein großes Buch. Unbedingt zu empfehlen.


cover handkePeter Handke: "Don Juan (erzählt von ihm selbst) Roman. Suhrkamp Verlag, Ffm, 2004.

Die Frage ist: Wie läßt sich über ein Buch von Handke berichten, wenn man kein Fieber hat? Denn nur mit Fieber, so eine lange Leseerfahrung mit Handke, läßt sich dieser Autor einigermaßen begreifen. Das zumindest hat er mit Marcel Proust gemein: daß man die Recherche am besten auch in einem fieberhaften Zustand liest. Die Geschichte? Eigentlich Nebensache. Die Hauptsache: Atmosphären, die für die Geschichte erschaffen werden. In diesem Fall: Landschaften. Don Juan kommt zu dem Erzähler und erzählt diesem seine Geschichte. Worauf der Erzähler zunächst einmal Landschaften, Umgebungen beschreibt, in die diese Geschichte hineingestellt werden kann. Zu diesem Schluß kommt der fieberfreie Leser und bleibt etwas ratlos. Er beschließt abzuwarten. Die nächste Grippewelle kommt bestimmt. Und dann wird er Handke lesen.

cover olmiVéronique Olmi: "Meeresrand", Roman. Verlag Antje Kunstmann, München, 2002.

Dieser Roman, eigentlich eher eine unglaublich gut geschriebene Novelle im klassischen Sinn, handelt, wie es dieses Genre verlangt, von einer unerhörten Begebenheit.
Eine Mutter, Sozialhilfeempfängerin und also am Rand der Gesellschaft lebend, fährt mit ihren zwei Kindern ans Meer ...
Mehr sollte man dem Leser nicht verraten. Nur so viel: Daß er auf eine Reise geschickt wird, die ihn an seine eigenen (emotionalen) Grenzen führt. Er wird dieses Buch nach der Lektüre nicht einfach weglegen können, wird feststellen müssen, die Welt hat sich verändert und vermutlich auch der Blick auf sich selbst.
Faszinierend, wie es die Autorin versteht, dem Leser das Ungeheuerliche mit einer von jeglichem Psycho-Ballast befreiten Sprache, skizzenhaft fast, in die Seele zu brennen.

"Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte, daß wir es auch glauben."

cover kehleMatthias Kehle: Farben wie Münzen, Gedichte, Rimbaud Verlag, Aachen, 2003

Matthias Kehle gehört zu den unbedingt lesenswerten Lyrikern. Meisterhaft versteht er es, dem Leser mit wenigen Worten Welten zu öffnen, wobei diese Gedichte sehr oft ins Überraschende, Unerwartete, Unerhörte hineinlaufen und so Wahrheiten zu Tage treten lassen, die man vielleicht schon gekannt, aber so noch nie gehört hat.

Regener, Neue Vahr SüdSven Regener, Neue Vahr Süd, Roman, 582 S., Eichborn Verlag

Seit "Herr Lehmann" nahezu die gesamte deutsche Literatur- und Leserszene, einschließlich des Literarischen Quartetts, begeisterte, weiß man: Wer Regener liest wird vorzüglich unterhalten, selbst wenn einem über 500 Seiten vorgelegt werden. Und Unterhaltung im besten Sinne trifft man auch in diesem Roman an. Jugend der 80er Jahre zwischen Bundeswehr einerseits, Wohngemeinschaft und Revolution andererseits, in dieser Szene hält sich der Roman auf. Und hält einen leider auch auf, durch bisweilen unerträgliche Längen, Seiten, die man getrost überblättern kann, ohne daß einem dabei etwas verlorengeht. Witzig, ironisch, satirisch und sarkastisch zwar, treibt er dennoch allzu sehr an der Oberfläche dahin. Wer die Milieus kennt, kann schnell gelangweilt sein. Etwas zu locker geht mir der Held über die eigentlich schweren Bedrängnisse und Nöte hinweg, als sei, was er erleide, gar nicht so schlimm. Zwar entlarvt er Bundeswehr und Gewissensprüfung als ziemlich absurd, streift am Rande die psychische Verelendung der Soldaten, aber wenn's allzu schlimm wird, macht man eben einen fingierten Selbstmordversuch und wird wegen Untauglichkeit entlassen. So leicht also geht das. So leicht geht das eben gerade nicht. Daran mangelt es dem Roman: an seinem Zwang zur Heiterkeit. Was bleibt am Ende haften? Unterhaltung eben, nicht mehr, nicht weniger. Viel jedenfalls klingt nicht nach ...

Hermann Kinder, Mein Melaten. Der Methusalemroman. 240 S. Haffmanns bei Zweitausendeins, 2006

Nach dem Methusalem-Komplott nun der Methusalem-Roman. "Ein illusionsloses, genaues, komisches, untröstliches, trostreiches Stundenbuch unter dem Stern: Altern ist für alle da." Heißt es u. a. im Klappentext. Wer den Autor kennt, weiß, es ist gnadenlos Offenes von ihm zu erwarten. Ein brillanter Zyniker, der die Wahrheit schonungslos zu Papier bringt, wobei das Augenzwinkern nicht ausbleibt. Es wird hier bewusst keine Inhaltsangabe gemacht, denn dieses Buch soll und muss einfach gelesen werden. Man könnte auch sagen, es sei ein Abenteuerroman in bestem Sinne, ein Roman, der verdeutlicht, was der Hollywoodstar Mae West meinte, als sie sagte: "Altern ist nichts für Feiglinge." Glückwunsch dem Autor, dem man eine größere Beachtung endlich wünscht, denn er gehört zweifelsfrei zu den größten Autoren der Gegenwartsliteratur, er sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich gepriesen, in der Hoffnung, dass die Preise nachfolgen.

 

josef jankerJosef W. Janker

ein oberschwäbischer Autor von Rang, viel zu wenig und zu selten gelesen, dabei in einem Atemzug zu nennen mit Martin Walser & Co. Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Hatte auch Lesungen in der legendären Gruppe 47. 1988 veröffentlichte der Gessler Verlag Friedrichshafen eine vierbändige Werkausgabe. Das beherrschende Thema in Jankers Werken: der zweite Weltkrieg und die Folgen für den Einzelnen. 1999 erhielt er den Hermann-Lenz-Preis. Die Laudatio hielt Peter Handke. Weitere Infos HIER

 

nebenbei bemerkt

 

Der vergessene Autor:

Josef W. Janker

 

Bestenliste des SWR

swr bestenlist

 

für hartnäckige, neugierige etc. hier noch zwei texte, die als positiv gescheitert betrachtet werden können:

Banküberfall: von Zenker/ Zengeler

Hirnrisse, Roman