Martin
von Arndt: "Der Tod ist ein Postmann mit Hut",
Klöpfer & Mayer, Tübingen, 2009
Mit Auszügen aus diesem Roman erntete MvA beim
Bachmann-Wettbewerb 2008 großen Publikumszuspruch. Der furiose
Auftakt verspricht nicht nur einen spannenden, sondern auch hervorragend
geschriebenen Roman. Mehr dazu nach Erscheinen, bzw. auf der Homepage
des Autors.
Christoph
Hein: "Landnahme". Roman. Suhrkamp Verlag,
Frankfurt, 2004
Vorab: Dies ist ein Roman, der unter anderem aufzeigt, daß
die Feindseligkeit Fremden gegenüber in diesem Land Tradition
hat. Die ersten Fremden waren eben nicht die Italiener, Türken
und Griechen, sondern die Deutschen selbst. Und zwar jene, die
es nach dem Krieg in den Westen/ Osten verschlug, die Flüchtlinge
und Heimatvertriebenen. - Bernhard Haber kommt als Zehnjähriger
mit seinen Eltern in eine sächsische Kleinstadt (Woher kommst
du?, Aus Breslau, Also noch einmal: Wo kommst du her?, Aus Wroclaw,
Richtig...) und erlebt dort Anfeindungen verschiedenster Art.
Man will die "Polacken" nicht, man bleibt unter sich.
Geschildert wird das aus der Sicht gleich mehrerer Personen, so
ergibt sich ein umfassendes Bild nicht nur der Flüchtlingssituation
selbst, sondern auch noch der damaligen Zeit, den Anfängen
der DDR bis hin zu der Wendezeit. Ein wichtiges Buch, spannend
geschrieben in einer schnörkellosen Sprache. (Wozu unbescheiden
vermerkt sei, daß ein anderer Autor dieses Thema auf andere
Weise bereits 1988 angegangen ist. Nähere Info hier)
Wilhelm
Genazino : "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman".
Roman, Carl Hanser Verlag München, 2003
Eigentlich keine Geschichte, die einen vom Hocker reißt:
"Ein Mensch von siebzehn Jahren fliegt vom Gymnasium",
heißt es im Klappentext. Seine Mutter macht sich mit ihm
auf die Suche nach einer Lehrstelle. Der Sohn ist kaum interessiert
daran, er möchte nur eins: Schreiben. Schließlich landet
er als kaufmännischer Lehrling in einer Speditionsfirma,
nebenher schreibt er Artikel für die lokale Zeitung, Vermischtes,
Vereine, Veranstaltungen ... All dieses spielt in den Sechziger
Jahren und würde einen wirklich nicht vom Hocker reißen,
wäre da nicht der mittlerweile unverwechselbare "Genazino-Ton":
leicht, unterhaltsam, ironisch, zynisch. Und wie immer gewürzt
mit einer Detailbesessenheit, die einem Atmosphäre vermittelt,
greifbar, fühlbar, ja riechbar nah. Insgesamt (wie schon
der "Regenschirm") meisterhaft geschrieben, man weiß:
das Leichte ist das Schwere daran. Sehr empfehlenswert.
Luis Sepúlveda: "Der Alte, der Liebesromane
las." Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2000.
Man glaubt das zu kennen: die Exotik in den Erzählungen
lateinamerikanischer Autoren. Wer hat nicht wenigstens eine Geschichte
von Márquez gelesen. Auch in Sepúlvedas Roman scheint
sich zunächst nichts Besonderes zu ereigen; Alltag sozusagen
in einer kleinen Siedlung am Amazonas, wenig Abwechslung. Zweimal
im Jahr kommt ein Versorgungsschiff vorbei, die Leute können
ihre Vorräte an Salz, Gas, Bier und Schnaps aufstocken. Der
mitgereiste Zahnarzt wird als Erleichterung empfunden, befreit
er sie doch von schmerzenden Zahnresten, versorgt sie mit Prothesen.
Raffgierige Goldsucher bringen Unruhe in das Gebiet, ein Ozelotweibchen
rächt den Tod ihrer Jungen, eine übel zugerichtete Leiche
wird ans Ufer des Amazonas gespült ... All das könnte
man schon mal gelesen haben. Im Zentrum des Geschehens steht jedoch
der Witwer Antonio José Bolivar, der bei den Suharu-Indianern
gelebt hat und den Dschungel kennt. Und: er kann lesen! Er entwickelt
eine Leidenschaft für Liebesromane, die ihm der Zahnarzt
mitbringt. So holt er sich eine wundersame Welt in den Urwald,
eine Welt, die er mühevoll entziffert und abends am Lagerfeuer
erzählt ...
Fazit: Ein kleiner Roman, ein großes Buch. Unbedingt
zu empfehlen.

Peter
Handke: "Don Juan (erzählt von ihm selbst)
Roman. Suhrkamp Verlag, Ffm, 2004.
Die Frage ist: Wie läßt sich über ein Buch von
Handke berichten, wenn man kein Fieber hat? Denn nur mit Fieber,
so eine lange Leseerfahrung mit Handke, läßt sich dieser
Autor einigermaßen begreifen. Das zumindest hat er mit Marcel
Proust gemein: daß man die Recherche am besten auch in einem
fieberhaften Zustand liest. Die Geschichte? Eigentlich Nebensache.
Die Hauptsache: Atmosphären, die für die Geschichte
erschaffen werden. In diesem Fall: Landschaften. Don Juan kommt
zu dem Erzähler und erzählt diesem seine Geschichte.
Worauf der Erzähler zunächst einmal Landschaften, Umgebungen
beschreibt, in die diese Geschichte hineingestellt werden kann.
Zu diesem Schluß kommt der fieberfreie Leser und bleibt
etwas ratlos. Er beschließt abzuwarten. Die nächste
Grippewelle kommt bestimmt. Und dann wird er Handke lesen.

Véronique
Olmi: "Meeresrand", Roman. Verlag Antje Kunstmann,
München, 2002.
Dieser Roman, eigentlich eher eine unglaublich
gut geschriebene Novelle im klassischen Sinn, handelt, wie es
dieses Genre verlangt, von einer unerhörten Begebenheit.
Eine Mutter, Sozialhilfeempfängerin und also am Rand der
Gesellschaft lebend, fährt mit ihren zwei Kindern ans Meer
...
Mehr sollte man dem Leser nicht verraten. Nur so viel: Daß
er auf eine Reise geschickt wird, die ihn an seine eigenen (emotionalen)
Grenzen führt. Er wird dieses Buch nach der Lektüre
nicht einfach weglegen können, wird feststellen müssen,
die Welt hat sich verändert und vermutlich auch der Blick
auf sich selbst.
Faszinierend, wie es die Autorin versteht, dem Leser das Ungeheuerliche
mit einer von jeglichem Psycho-Ballast befreiten Sprache, skizzenhaft
fast, in die Seele zu brennen.
"Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte,
daß wir es auch glauben."

Matthias
Kehle: Farben wie Münzen, Gedichte, Rimbaud Verlag,
Aachen, 2003
Matthias Kehle gehört zu den unbedingt lesenswerten
Lyrikern. Meisterhaft versteht er es, dem Leser mit wenigen Worten
Welten zu öffnen, wobei diese Gedichte sehr oft ins Überraschende,
Unerwartete, Unerhörte hineinlaufen und so Wahrheiten zu
Tage treten lassen, die man vielleicht schon gekannt, aber so
noch nie gehört hat.

Sven
Regener, Neue Vahr Süd, Roman, 582 S., Eichborn
Verlag
Seit "Herr Lehmann" nahezu die gesamte deutsche Literatur-
und Leserszene, einschließlich des Literarischen Quartetts,
begeisterte, weiß man: Wer Regener liest wird vorzüglich
unterhalten, selbst wenn einem über 500 Seiten vorgelegt
werden. Und Unterhaltung im besten Sinne trifft man auch in diesem
Roman an. Jugend der 80er Jahre zwischen Bundeswehr einerseits,
Wohngemeinschaft und Revolution andererseits, in dieser Szene
hält sich der Roman auf. Und hält einen leider auch
auf, durch bisweilen unerträgliche Längen, Seiten, die
man getrost überblättern kann, ohne daß einem
dabei etwas verlorengeht. Witzig, ironisch, satirisch und sarkastisch
zwar, treibt er dennoch allzu sehr an der Oberfläche dahin.
Wer die Milieus kennt, kann schnell gelangweilt sein. Etwas zu
locker geht mir der Held über die eigentlich schweren Bedrängnisse
und Nöte hinweg, als sei, was er erleide, gar nicht so schlimm.
Zwar entlarvt er Bundeswehr und Gewissensprüfung als ziemlich
absurd, streift am Rande die psychische Verelendung der Soldaten,
aber wenn's allzu schlimm wird, macht man eben einen fingierten
Selbstmordversuch und wird wegen Untauglichkeit entlassen. So
leicht also geht das. So leicht geht das eben gerade nicht. Daran
mangelt es dem Roman: an seinem Zwang zur Heiterkeit. Was bleibt
am Ende haften? Unterhaltung eben, nicht mehr, nicht weniger.
Viel jedenfalls klingt nicht nach ...
Hermann
Kinder, Mein Melaten. Der Methusalemroman. 240 S. Haffmanns
bei Zweitausendeins, 2006
Nach dem Methusalem-Komplott nun der Methusalem-Roman. "Ein
illusionsloses, genaues, komisches, untröstliches, trostreiches
Stundenbuch unter dem Stern: Altern ist für alle da."
Heißt es u. a. im Klappentext. Wer den Autor kennt, weiß,
es ist gnadenlos Offenes von ihm zu erwarten. Ein brillanter Zyniker,
der die Wahrheit schonungslos zu Papier bringt, wobei das Augenzwinkern
nicht ausbleibt. Es wird hier bewusst keine Inhaltsangabe
gemacht, denn dieses Buch soll und muss einfach gelesen werden.
Man könnte auch sagen, es sei ein Abenteuerroman in bestem
Sinne, ein Roman, der verdeutlicht, was der Hollywoodstar Mae
West meinte, als sie sagte: "Altern ist nichts für Feiglinge."
Glückwunsch dem Autor, dem man eine größere Beachtung
endlich wünscht, denn er gehört zweifelsfrei zu den
größten Autoren der Gegenwartsliteratur, er sei an
dieser Stelle einmal ausdrücklich gepriesen, in der Hoffnung,
dass die Preise nachfolgen.
Josef
W. Janker
ein oberschwäbischer Autor von Rang, viel
zu wenig und zu selten gelesen, dabei in einem Atemzug zu nennen
mit Martin Walser & Co. Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
Hatte auch Lesungen in der legendären Gruppe 47. 1988 veröffentlichte
der Gessler Verlag Friedrichshafen eine vierbändige Werkausgabe.
Das beherrschende Thema in Jankers Werken: der zweite Weltkrieg
und die Folgen für den Einzelnen. 1999 erhielt er den Hermann-Lenz-Preis.
Die Laudatio hielt Peter Handke. Weitere Infos HIER

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