Konrads geständnis,
roman 2011
Der Krieg war zu Ende. Die Soldaten
kehrten nach und nach heim. Man tanzte bald wieder und sang: Wir sind
die Eingeborenen von Trizonesien ... Der russische Sektor war weit weg.
Im Frieden begann man das Vergessen zu kultivieren und entwickelte so
einen unverkennbar deutschen Wesenszug.
In
der Nähe des Rathauses setzte ich mich für eine Weile auf
den Rand des Brunnens, beobachtete die Passanten und fühlte mich
wie im Innern einer Vakuumsblase. Ich spürte, wie unerreichbar
diese Leute für mich geworden waren. Viele Gesichter waren mir
bekannt, ich konnte ihnen Geschichten und Erinnerungen zuordnen, ich
deutete manchmal einen Gruß an, um zu erkennen zu geben, daß
ich sie nicht vergessen, daß ich den Mut hätte, mich an sie
zu erinnern, aber man übersah mich geflissentlich. Und dann, aus
dieser Wut heraus, bemühte ich Dich. Du wärst, nein: Du bist
vom Brunnenrand gesprungen, hast die Arme ausgebreitet und die Leute
angebrüllt: Dat bliwt allns so as dat is. Gibt's nüscht zu
lachn. Deine Stadt, Hechele, hast Du gesagt. Die Leut laufn rum wie
die Maulwürfe, Nasen zu Boden gesenkt. He! hast Du gerufen, schaut
her, ich bin's, der Stachowiak, der Konny aus Pasewalk, Mecklenburrch.
Aber nüscht da, siehst selber, Hechele, schaut keiner zu mir her.
In Mecklenburg hätt man sich scharenweis um dich versammelt. Besuch
willkommen. Für jede Neuigkeit dankbar. Hier geit dat nich, hast
Du gesagt. Du kommst von weither, Hechele, hast Du gesagt, du willst
nicht unbedingt, aber du mußt hier Fuß fassen. Wie stellst
du das an? hast Du gefragt. Ja, was weiß ich, wie man das macht.
Wahrscheinlich wäre ich in eine Kneipe gegangen, einem Verein beigetreten,
was weiß ich.
Jaja! hast Du trocken hinausgelacht. So geit dat! Ich, Stachowiak, komm
her. Ich geh in 'ne Kneipe und sag: Goden Dach, min Nam is Stachowiak,
bin aus Pasewalk, dat liecht in Mecklenburrch. Darf ich Platz nehmen?
Klar, sagen die. Auf einen wie dich haben wir schon lang gewartet. Also
hock ich mich hin, erzähl meine Geschicht, is ja spannend, die
hören still zu und freuen sich. Wie schön. daß du nochmal
davongekommen bist vor dem Russen, wie schön, daß du jetzt
hier bist, sagen die, wie können wir dir helfen, denn du sollst
dich ja wohlfühlen bei uns. Mensch Kuddel, mir läuft die Seele
über bei soviel Herzlichkeit. Ich geb gleich eine Runde aus! Und
schon gehör ich zu. So, Hechele, lautet dat Märchen. Es war
einmal. Es war aber gar keinmal. Diese Dösbaddels rieben sich schon
an Winzigkeiten. Wie redet denn der? Das heißt nicht Goden Dach,
Grüß Gott heißt das, klar! Und an den Stammtisch setzt
man sich nicht so einfach. Das muß was wachsen. Der Platz will
verdient, will erschuftet sein. Das kann Jahre dauern. Jahrzehnte. Auf
dem Platz hat schon mein Opa gehockt, da kommt mir kein Flüchtling
hin. Was tust du aber dann, um dich zu denen durchzufressen ...?
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Inhalte
Er spuckte beim Erzählen, rang nach
Worten, kroch durch vereiterte, wundgescheuerte Gedankenhöhlen,
rang nach Worten, die er, wenn er sie dem Sprachsilo einmal abgetrotzt
hatte, förmlich herausschleuderte, wütend, mich anspuckte
dabei, schwer atmend, wild sah er aus mit den aufgeblähten Nasenflügeln
...
Konrads Geständnis, Roman, 238
S., kt. 16,80 ISBN: 978-3-86858-674-9 Erstauflage Gessler Verlag 1988.
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