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ableben - roman ersch. 2005

Trainieren Sie die gestörte Feinmotorik mit Knetmasse oder mit einem Gummibällchen, hatte der Arzt empfohlen. Sie können meinetwegen auch Buchstaben malen, das hilft, das finden Sie schon selber heraus.

Ich bin Sonderberg, von allen eigentlich immer nur der Sonderberg genannt, ein Name, der oft in der Presse aufgetaucht ist, Feuilleton und Kulturnachrichten hauptsächlich, ganze Aktenordner mit Kritiken befinden sich in meinem Besitz, und es ist durchaus möglich, daß dir der Name noch heute auf Plakaten begegnet, so lange ist meine letzte, glanzvolle Vorstellung am städtischen Theater ja nicht her...
Wenn ich mich nun aus einem (für mich völlig inakzeptablem) Abseits zu Wort melde, in das ich sozusagen schlagartig und ohne eigenes Verschulden gestellt worden bin, so nur, um ein für allemal klar zu machen, daß man einen Sonderberg nicht lautlos abschieben kann. Ich habe noch eine Stimme, und mit dieser Stimme sage ich allen laut und vernehmlich, daß ich nicht vorhabe, hier alt zu werden, nie und nimmer, ich lasse mich nicht verschweigen.

Du traust deinen Augen nicht. Du magst einfach nicht glauben, was du siehst. Um ein permanentes Trugbild muß es sich handeln, um eine durch einen Alptraum hervorgerufene Schreckensvision. In die falsche Kulisse bist du gestellt worden, ins falsche Stück. Während ich gestern noch in einer ringsum blühenden Lebensfülle zuhause war, umweht mich heute von allen Seiten her der Geruch des Zerfalls. Von morgens bis abends habe ich beispielsweise die „Skelettfrau“ vor Augen, dieses bis auf Haut und Knochen abgemagerte Weiblein mit der weißen, fast durchscheinenden Haut und den hellgrauen, blickleeren, wässrigen, tief in den dunkel umrandeten Höhlen liegenden Augen, sehe diese von mir so genannte Skelettfrau im Liegestuhl, die immer mal wieder ihr dünnes Ärmchen hebt und ruft: Komm!
Komm! ruft sie, so komm doch endlich her, wobei ihr Gesicht von einem so hohen Grad an Verzweiflung verzerrt wird, daß einen der Anblick zerreißen möchte, und man fragt sich, warum keiner der Anwesenden reagiert, warum keiner von ihrem flehentlichen Rufen Notiz nimmt. Sie fängt zu weinen an, kann nun stundenlang wimmern und aufschluchzen, bis sie wieder ruft: Komm! So komm doch her!
Ein Besucher, der es empörend finden mag, daß niemand der Alten Gehör schenkt, geht schließlich hin und erkundigt sich überaus teilnahmsvoll, wie er ihr helfen könne, in der Erwartung natürlich, daß ihr Gesicht sich aufhelle, daß es Erleichterung zeige, aber sie schüttelt auf seine Frage unerwartet heftig den Kopf, wirkt ziemlich verärgert, was der Fragende nun überhaupt nicht versteht.
Er macht noch einen Versuch, kann ja sein, daß die Verärgerung andere Gründe hat, sie deutet jetzt auf einen Tisch, was der Besucher selbstverständlich so interpretiert, daß sie zu dem Tisch gebracht werden möchte. Er fragt aber vorsichtshalber nach, erhält keine Antwort, schiebt sie trotzdem an den Tisch.
Gut so?
Sie schaut ihn an mit diesen blickleeren Augen, die einem Furcht einzujagen vermögen, schaut ihn an, als habe er gar nichts begriffen und fängt wieder zu heulen an, noch heftiger als zuvor, und der Besucher, sieht man, kommt sich schuldig vor, ohne zu wissen, worin denn nun genau seine Schuld bestehe, während sich die Verzweiflung der Alten ins Unermeßliche steigert. Schließlich hebt sie hilflos die dünnen Ärmchen, die Achseln zucken, sie atmet stotternd ein und aus, fällt in sich zusammen wie jemand, der mitteilen will, für ihn komme jede Hilfe zu spät, ihn verstehe sowieso keiner mehr.
Keine halbe Stunde später ruft sie wieder in den Raum: Komm! Bitte! Komm her!
Und niemand reagiert. Auch du nicht. Du kennst dieses sinnlose Rufen inzwischen zur Genüge, du glaubst, es richtig einschätzen zu können: Die Skelettfrau, die von unschätzbarem Alter ist (zwischen achtzig und hundert), ruft und weint unabhängig davon, ob jemand kommt oder nicht. Sie muß einfach weinen. Du fragst dich höchstens, wo sie all die Tränen hernimmt. Sie müßte längst ausgetrocknet sein, denkst du. Sie ist eben nicht ganz richtig im Kopf, denkst du. Wie alle hier, die auf diesem erdfernen Planeten dahinvegetieren und ihr Restleben ableben, entweder täglich aufs neue resignieren oder schon vollkommen hoffnungsleer sind, die Erlösung herbeisehnen, vor sich hinstarren, wie zum Beispiel Herr Wagenseil, der den Platz neben mir hat, kopfhoher Rollstuhl, und von morgens bis abends auf ein und denselben Punkt starrt, auf einen gelben Fleck an der Tapete. Er wirkt wie eingefroren in dieser Haltung. Er rührt sich nicht. Man sieht nicht einmal, ob er noch atmet. Der Brustkorb bleibt flach, da hebt und senkt sich nichts. Man könnte auch den Eindruck gewinnen, er übermittle seine Gedanken (oder was auch immer) an den gelben Fleck oder er horche in diesen hinein, als nehme einzig der gelbe Fleck noch Anteil an seinem Leben. Zu den Mahlzeiten jedoch öffnet Herr Wagenseil wie automatisch den Mund, läßt sich füttern, ohne dabei den gelben Fleck aus den Augen zu lassen. Wenn er genug gegessen hat, schließt er den Mund wieder, preßt die Lippen fest aufeinander, die ganze Zeit, als dürfe jetzt nichts mehr hinein-, nichts mehr herauskommen, weder Nahrung noch Wort, so erstarrt er wieder, und manchmal drängt es mich, seinen Puls zu fühlen, ob er überhaupt noch lebt ...

© 2005, Iatros Verlag
Umschlagentwurf © Hans Zengeler

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Inhalt

Moritz Sonderberg, Schauspieler, ist gerade mal 69 Jahre alt, als er durch einen Schlaganfall in völlig veränderte Lebensumstände gerät. Halbseitig gelähmt, wird er in ein Pflegeheim eingewiesen, in eine Umgebung, die von Siechtum und Zerfall geprägt ist. Sonderberg versucht, sich all dem schreibend zu entziehen. In der Folge entsteht ein feinfühlig, aber auch konkret verfaßter Bericht aus dem Innern einer Anstalt, in der die Insassen, erstarrt und sprachlos geworden, vor sich hindämmern. Sonderberg ist nicht bereit, das hinzunehmen, er hofft, sich ins Freie schreiben zu können ...

ISBN 3-937 439-60-9  € 12,00
in allen Buchhandlungen
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